Werkstatt und Projekt

Um der Individualität ästhetischer Praxis [Begriff siehe Glossar] von Kindern und Jugendlichen den notwendigen Raum zu geben, sind Frei-Räume zu schaffen. Diese Räume umfassen Freiheiten in Art und Weise ästhetischer Praxis, in der Materialwahl- und Behandlung sowie in den Zeitfenstern, die zur Verfügung stehen.

Werkstattorientierter Kunstunterricht
Mit der Werkstatt gibt es ein Prinzip, das die notwendigen Rahmenbedingungen verbindet. Kinder sowie Jugendliche finden hier die passende Basis, um ihren eigenen Interessen und bildnerischen Ideen nachzugehen.

In der Werkstatt werden zur Verfügung gestellt:

  • verschiedene Materialien, Hilfsmittel und Werkzeug
  • multifunktionale Arbeitsplätze
  • inhaltliche Freiräume zur individuellen ästhetischen Praxis
  • Zeiträume zur Entwicklung, Planung und Realisierung bildnerischer Vorhaben
  • Freiräume zur eigenen Organisation.

Im schulischen Kontext ist die Realisierung einer Werkstatt nicht immer leicht. Doch kann sich jeder im Rahmen der individuellen Möglichkeiten auf den Weg machen. Klassenleiterunterricht oder die Verortung im Nachmittagsunterricht offerieren viele Freiräume, die nur genutzt werden müssen.

werkstatt

Auf dem Weg zur Werkstatt
Zeiträume: Eine wesentliche Komponente sind die Zeitfenster, die den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung gestellt werden. Stehen wenigstens 90 Minuten am Stück zur Verfügung, ist ein Anfang gemacht. Wird Kunst nur einstündig unterrichtet, kann man vom Klassenleiterunterricht und der Hoheit der Klassenleitung über die Verteilung der Zeiten profitieren. Schließlich lassen sich zentrale fachübergreifende soziale und kommunikative Kompetenzen über die Werkstatt fördern.

Arbeitsplätze: Da Kunstunterricht überwiegend in Klassenzimmern stattfindet, bei deren Planung und Ausstattung die Notwendigkeiten des Faches Kunst übersehen wurden, müssen die Lehrkräfte meist improvisieren. Ist ausreichend Platz vorhanden, können an der Seite des Zimmers Arbeitstische aufgestellt werden. Dies können alte Bänke sein oder mit Kartonagen/ mdf-Platten abgedeckte Schulbänke.
Das Materiallager kann schrittweise aufgebaut werden. Auf Elternabenden kann gezielt dafür geworben werden, der Schule Material zur Verfügung zu stellen. Welcher Vater arbeiten in einer Schreinerei und kann Holzreste zur Verfügung stellen? Welche Großmutter hat Wolle oder Stoffe übrig? Wer hat einen Hammer, einen Schraubendreher, einen  Meterstab übrig? Von Ausflügen können Stöcke und Steine mitgebracht werden sowie interessante Fundstücke. Aus leeren Tetrapacks können silberne Platten geschnitten werden, Konservendosen, Becher, Korken etc. ergänzen ein breites Sortiment.
Die Aufgabe von Materialschränken können Kisten übernehmen, in denen Material und Werkzeug bereit liegen. Ist kein Geld für Holzkisten oder stabile Stapelkisten aus Kunststoff vorhanden, tun es auch Obstkisten aus dem Supermarkt. In der gleichen Größe lassen sie sich sehr gut und sicher stapeln (nicht über 120cm). Mit einer Beschriftung vorne werden die Materialien und Werkzeuge rasch gefunden. Nutzt man ein Zwei-Farben-System kann anhand der Farbe der Beschriftung unterschieden werden zwischen Material, das unter der eigenen Verwaltung der Schülerinnen und Schüler steht (gedruckt auf grünes Papier) und Material, das nur nach Rücksprache mit der Lehrkraft genutzt werden darf (oranges Papier). [Vorlage Beschriftung zum Download]
Wichtig ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler ihren Arbeitsplatz selbstständig herrichten können und sie dieser nicht in ihrer ästhetischen Praxis einschränkt.

Freiräume: Am schwersten tun sich Lehrkräfte beim Übergang zu einem werkstattorientierten Setting mit dem Gewähren von inhaltlichen sowie organisatorischen Freiheiten. In vielen Fächern ist ein stringenteres Diktat von Vorgaben immer noch Standard. Mit den Schuljahren werden den Schülerinnen und Schüler auch das eigenständige Arbeiten sowie das interessens- und neugiermotivierte Schaffen abgewöhnt. Die Kinder und Jugendlichen müssen folglich möglicherweise erst wieder an das selbst organisierte Arbeiten herangeführt werden.
Um von den Freiheiten profitieren zu können, ist es wichtig, dass alle Regeln zum Umgang miteinander und mit dem Werkzeug besprochen und eingehalten werden.

Projektorientierter Kunstunterricht

Beim projektorientierten Kunstunterricht kann -anders als bei der Werkstatt- ein bildnerisches Produkt Ziel einer ästhetischen Praxis sein. Meist werden thematische Rahmen gesetzt, in dem sich die ästhetische Praxis der Kinder oder Jugendlichen bewegt. Während nach dem Prinzip der Werkstatt konfigurierter Unterricht gerade von der Selbstorganisation durch die Schülerinnen und Schüler geprägt ist, kann die Lehrkraft im projektorientierten Unterricht deutlicher eine leitende Funktion einnehmen. Dabei müssen jedoch der individuellen Entwicklung von Ideen sowie der handelnden Eigentätigkeit der Kinder/Jugendlichen viel Raum gegeben werden. Phasen der Führung müssen mehrere Situationen der Selbstorganisation folgen.

fotografische inszenierung
Projekt zur fotografischen Inszenierung

Der Begriff des >Projekts< im Rahmen schulischen Unterrichts genießt noch immer hohes Ansehen. Zurückzuführen ist dies auf eine Gemengelage aus der relativen Seltenheit von Projekten in der Schule, dem damit oftmals wahrgenommenen erhöhten Arbeitseinsatz der Lehrkraft verbunden mit der Möglichkeit zur Ergebnispräsentation. Dabei beziehen der Projektunterricht sowie dessen Verwandte wie der projektorientierte Unterricht und der projektartige Unterricht ihren Wert einzig aus der methodischen Angemessenheit. Diese Adäquatheit ergibt sich aus der Zusammenschau zu vermittelnder Fachinhalte sowie der umfassenden Orientierung am Schüler/ an der Schülerin.

Zentrale Merkmale des Projekts im Kunstunterricht sind

  • Aufgreifen intrinsischer Motivationen der Schülerinnen und Schüler.
  • Phasen der Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler überwiegen deutlich die der geführten Situationen.
  • Die Selbsttätigkeit erfolgt meist aktiv handelnd.
  • Ablaufende Prozesse erhalten einen hohen Stellenwert.
  • Aus Perspektive der Lehrkraft sind ein Gewinn an Wissen und Kompetenzen das Ziel des Projektes, aus Sicht der Schülerinnen und Schüler kann ein anzufertigendes Produkt das Ziel sein.
  • Relativ planvolles Vorgehen wird mit den Chancen der Ergebnisoffenheit kombiniert.
  • Inhalte anderer Disziplinen sowie dort erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten können einbezogen werden.
  • Unterrichtserfolge sind komplex und nicht eindimensional.
  • Teams/ Gruppen verfolgen das Projekt von der Idee über die Planung bis zur Ausführung und deren Präsentation.
  • Die Dauer der Projektdurchführung ist zu Beginn wenig absehbar.

 

Während der Unterricht anderer Fächer für die Realisierung von Projekten oftmals seinen vom Schulalltag geprägten Charakter aufgeben muss, entspricht der Projektunterricht stark dem Wesen des Kunstunterrichts. Viele Formen ästhetischer Praxis weisen per se bereits zahlreiche Merkmale eines Projektes auf. Folgt man den Qualitätskriterien, orientiert sich guter Kunstunterricht soweit wie möglich ohnehin an den Interessen der Schülerinnen und Schüler und greift intrinsische Motivationen wie die Neugierde auf.

Bildnerische Ideen wollen meist in Form eines bildnerischen Produkts umgesetzt werden, der Weg dahin ist selbstverständlich von handlungsorientieren Prozessen geprägt. Planvolles Vorgehen unterstützt die bildnerischen Vorhaben, ist aber oft eher gekennzeichnet durch kleinschrittige Planungen. Der planvolle Blick erstreckt sich oft auf Grund der Offenheit für den Dialog mit dem Material oder für sich ergebende Möglichkeiten eher auf bevorstehende Schritte als auf den gesamten Vorgang. Dass sich Kunstunterricht nur in den seltensten Fällen einer ästhetischen Praxis im Rahmen einer 45-Minuten-Einheit widmen kann, ist unstrittig. Vielmehr lassen sich selten Vorhaben von Schülerinnen und Schülern in Zeitschemen pressen. Einige Komponenten der ästhetischen Praxis können in Phasen der Freiarbeit oder in heimischer Zeit fertiggestellt werden, andere bedürfen der kontinuierlichen Begleitung durch die Lehrkraft. Notwendig ist hier die Wertschätzung der persönlichkeitsfördernden Eigenschaften von Projekten, die Honorierung komplexer Kompetenzgewinne sowie die Entwicklung einer entspannten Perspektive auf die Dauer von Projekten ästhetischer Praxis.

Je mehr Kunstunterricht von den heterogen angelegten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler profitieren möchte, um so offener werden die Arbeitsformen. Auf diese Weise ergeben sich viele kleine Teams in einer Klasse.

Ästhetische Praxis fördert oft auch Kompetenzen, die schulisch in anderen Disziplinen verortet werden. Indem Schülerinnen und Schüler etwa Bücher oder Internetquellen nach weiteren Inhalten zum Thema oder Motiv ästhetischer Praxis durchsuchen, festigen sie über die Förderung der Lesefähigkeit sowie dem Finden von Informationen Kompetenzen aus dem Bereich des Deutschunterrichts. Beim Arbeiten mit Holz können mathematische Kompetenzen gefestigt werden, Stoffe des Sachunterrichts sowie von diesem nahen Fächern der Sekundarstufe können in Form von Motiven oder Themen Inhalt des Kunstunterrichts werden.