Material in ästhetischer Praxis

Kinder malen mit Wasserfarben, Jugendliche plastizieren mit lufttrocknender Masse, Holzleisten werden zu einem Turm verbunden… unterschiedliche Materialien sind selbstverständliche Komponente im Kunstunterricht. Neben den typischen Materialien kommt aber auch Material im Kunstunterricht zum Einsatz, das nicht unmittelbar als solches bewusst wahrgenommen wird. Nach einer Klärung des Materialbegriffs werden die Funktionen des Materials im Unterricht geklärt, um daraus die Bedeutung des Handelns mit Material abzuleiten. [Eine differenzierte Darstellung zu Material und seiner Bedeutung finden Sie in Reuter 2007] Abschließend finden sich einige Sicherheitshinweise zum Umgang mit Material im Unterricht.

[Hier finden Sie dieses Thema als Seminarsequenz für die zweite Ausbildungsphase.]

Der Materialbegriff
In der kunstpädagogischen Literatur existieren zahlreiche Differenzierungen, wie sich Material einteilen lässt. Die Unterkategorien konkreten, greifbaren Materials überschneiden sich:

  • Unbearbeitetes Material [Stein, Holzstamm, Lehm, …]
  • Natürliches Material [Äste, Blumen, Sand, …]
  • Künstliches Material [Schaumstoff, Styropor, Kunststoffe, …]
  • Organisches Material [Wolle, Blätter, Holz, …]
  • Anorganisches Material [Kies, Ocker, Terra di Siena, …]
  • Gerettetes Material [Altpapier, Verpackungen, Korken, …]
  • Alltagsmaterial [Wasserfarben, Kreiden, Wachsmalstifte, …]
  • Wertvolles Material [Gold, ausgesuchte Pigmente, Silber, …]
  • Objekte als Material [Trichter, Töpfe, Bücher, …]
  • Selbst herstellbares Material [Knete, Salzteig, Papier, …]

Es wird deutlich, dass manche Einteilung auf der Art und Weise ihrer Verwendung und Präsenz im Alltag erfolgt. Wachsmalstifte oder Wasserfarben und Papier sind durch deren Gebrauch im Kunstunterricht selbstverständliches Material ästhetischer Praxis. Weggeworfenes aus der alltäglichen Nutzung kann zu Material in ästhetischer Praxis werden. Es können ausgesonderte Objekte wie Korken zum Bauen schwimmbarer Objekte verwendet werden.

Andere Einordnungen erfolgen auf Grund Originalität der Verwendung im Kunstunterricht. So werden Gegenstände wie Trichter, Töpfe etc. durch deren Verwendung als Material im Zuge einer ästhetischen Praxis zu Material.
[Zu sehen hier im Beispiel: Aus den Utensilien wird eine Prinzessin im Kleid mit Schirm auf einem Pferd. Die Objekte werden zum bildnerischen Material einer dreidimensionalen Collage.]

falkeblog objektkunst

Erweiterter Materialbegriff
Interessant ist die Expansion des Materialbegriffs um Körper, Räume, Sprache, Töne und Klänge. Im szenischen Spiel wie in performativen Prozessen können diese Elemente als Material eingesetzt werden. Die Beziehung des Körpers zum Raum ist dabei mehrdimensional. Raum setzt die Möglichkeiten der Bewegung und ist als Widerpart mit den Grenzen, die er bietet, sehr wichtig für den Einsatz des Körpers als Material. Mit den akustischen Mitteln werden die Ausdrucksmittel in prozessualer ästhetischer Praxis erweitert.

Im Kunstunterricht kommt es inzwischen häufig zur Nutzung digitalen Materials. Digital vorliegende Fotos und Filme, die selbst erstellt oder als Download werden beim Bearbeiten, Collagieren oder Schneiden zu Material. Es liegt nur noch in Form von Daten vor, kann letztlich nur durch Ausdruck [auf Papier oder als 3-D-Druck] in einen greifbaren Zustand überführt werden.

Eine darüber deutlich hinausgehende Idee eines erweiterten Materialbegriffs führt etwa Constanze Kirchner 2003 an, als sie auch Gedanken, Ideen und Konzepte als Material begriffen haben möchte. Die Erweiterung um geistige Prozesse ist sinnvoll, macht sie doch das Plastische als Eigenschaft des Denkens, des Imaginierens, des Fantasierens etc. deutlich. Zudem wir klar, dass nicht jede Erscheinungsform ästhetischer Praxis sichtbarer und greifbarer Natur ist.

Zusammenfassende Grafik

falkeblog tabelle material

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Funktionen des Materials
Der handelnde Umgang mit Material im Rahmen ästhetischer Praxis erfüllt verschiedene Funktionen:

  • Aufforderungscharakter/ Valenz
  • Dialog
  • Soziale Funktion
  • Widerstand
  • Medium
  • Objekt der Wahrnehmung

Aufforderungscharakter/ Valenz
Material kann zum Handeln animieren. Im Raum zwischen Akteur und Material besitzen Materialien einen unterschiedlich hohen Aufforderungscharakter. Die so genannte subjektive Valenz ist individuell angelegt. Manches Kind wird von keramischer Masse geradezu zum Handeln damit verführt, andere können dem Umgang mit diesem Material nichts abgewinnen und meiden es.

Besteht ein Aufforderungscharakter, der jedes Kind/ jeden Jugendlichen zu gleichen oder ähnlichen Handlungen mit diesem Material auffordert, besitzt das Material eine objektive Valenz. Wasserfarben besitzen beispielsweise eine objektive Valenz, da sie im Grunde jeden anregt, mit einem feuchten Pinsel mit kreisförmigen Bewegungen Farbe anzurühren.

Dialog
Von der dialogischen Funktion des Materials spricht man, wenn das Kind oder der Jugendliche auf sich ergebende Veränderungen im Material eingeht. Sehr gut darstellbar wird es beim Arbeiten mit plastischem Material. Wird an einer Stelle zu viel Druck ausgeübt, ergibt sich eine neue Form. Diese kann aufgegriffen werden und sich zu einer neuen Darstellungsintention führen.
Im Experimentieren spielt die dialogische Funktion eine zentrale Rolle. Es ist vom aufmerksamen Wahrnehmen der Materialeigenschaften und der Reaktion auf diese geprägt. Auf diese Weise werden Informationen zu Materialeigenschaften und Materialverhalten in der experimentierenden Bearbeitung gewonnen. Zudem kann sich im Dialog mit dem Material eine Darstellungsabsicht entwickeln.

Bei Schülerinnen und Schüler muss eine Offenheit gegenüber sich ergebenden Prozessen gegeben sein. Aber Neugierde und Interesse gewährleisten die offen Art im Umgang mit Material. Im Kunstunterricht müssen die Möglichkeiten und Zeitfenster eingeräumt werden, sich auf Material und seine dialogische Funktion einzulassen.

Soziale Funktion
Das Arbeiten mit Material führt vor allen Dingen durch die dialogische Funktion und das damit verbundene Entwickeln von Darstellungsabsichten zu einem Mitteilungsbedürfnis unter den Kindern/ Jugendlichen. Neue Entdeckungen und Wahrgenommenes wird miteinander kommuniziert, Ansichten werden dargestellt und wenn nötig verteidigt. Verschiedene soziale Situationen laufen zudem ab, wenn mehrere Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit oder an einem Material arbeiten.

Materialwiderstand
Die Konsistenz eines Materials bestimmt den Widerstand, den es bei dessen Bearbeitung zu überwinden gilt. Je fester ein Material ist, umso eher benötigt man ein Werkzeug zur Formgebung. Ein notwendig werdender höherer Energieaufwand kann zu einer größeren Aktivität führen, aber auch zu Passivität sowie zur Ablehnung des Materials. Gelingt die Bearbeitung bei höherem Einsatz, kann dieser zu einer positiven Selbstwahrnehmung führen. >Ich habe es geschafft…< wird zum bejahenden Bestandteil des Selbstkonzepts.

Medium
Bei ästhetischer Praxis kann es sich um einen fast komplett intentionalen Akt handeln. Dann wird die Bildvorstellung planvoll umgesetzt. Es kann sich aber auch erst im Dialog mit dem Material eine Gestaltungsabsicht konturieren. In beiden Fällen artikuliert sich die Bildintention am Material, das Material fungiert als Medium zwischen Intention und Bild.

Objekt der Wahrnehmung
Material kann verschiedene Oberflächen, Temperaturen sowie Konsistenzen haben. Im handelnden Umgang koppelt der Akteur sein Handeln mit der entsprechenden Wahrnehmung und erfährt so die Eigenschaften des Materials. In Form kodierter Informationen werden die Sinneseindrücke zu Repräsentationen, die in nachfolgenden Handlungen erneut abgerufen werden können. Darüber hinaus stellt die Wahrnehmung die Basis der Entstehung kindlicher Welten dar.
Durch die permanente Wahrnehmung von Material im Zuge ästhetischer Praxis setzt sich ein Kind/ ein Jugendlicher in Bezug zu dieser Umwelt und schafft somit eine spezifische Form der Selbstwahrnehmung.

 

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Sicherheitshinweise zum Umgang mit Material im Kunstunterricht
Um die Sicherheit von Schülerinnen und Schülern, die der Obhut der Schulen anvertraut werden, zu gewährleisten, gibt es ein paar Richtlinien zum Umgang mit Material. [[Hier als pdf, ergänzt um Hinweise zum Umgang mit Werkzeug.]

Fixative
Kreide- oder Kohlezeichnungen müssen fixiert werden, damit es nicht zum Abrieb der Farbteilchen kommt. Dies sollte im Freien und mit schadstoffarmen Fixativen geschehen. Oft tut es schon Haarspray.

Glasuren
Werden Tonarbeiten gebrannt und glasiert, dürfen die Farben nicht gesundheitsschädlich sein.

Klebstoff
Klebstoffe auf Wasserbasis sollten verwendet werden. Auf keinen Fall Sekundenkleber in die Hände von Schülerinnen und Schülern geben!

Knete mit Weichmacher
Es ist für ausreichend Belüftung zu sorgen, wenn die Werke aus Knete an der Luft trocknen. Austretende Weichmacher!

Ölfarben mit Leinöl
Werden Ölfarben selbst hergestellt, müssen von Leinöl getränkte Stoffe unter Wasser getaucht werden, da es zur Selbstentzündung des Stoffes kommen kann.

Pigmente
Farbpulver werden am besten bereits geschlemmt den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung gestellt und verarbeitet. Dann kann es nicht zu einer Staubbildung kommen. Es ist ratsam, überwiegend auf anorganische, natürliche Pigmente zurückzugreifen.

Sprayfarben
Werden z.B. bei Airbrushverfahren Farbsprays verwendet, sollte im Freien gearbeitet werden. Es ist darauf zu achten, dass der Farbnebel nicht eingearbeitet wird. Windrichtung berücksichtigen!

Wachs
Beim Ausprobieren von Gussmethoden kann mit geschmolzenen Wachs gegossen werden. Das Wachs darf nie direkt, sondern immer im Wasserbad verflüssigt werden [z.B. Wachs in altem kleinen Topf in größerem Topf mit warmen Wasser]. Dabei nicht wärmer als notwendig erhitzen. Gut schließenden Deckel bereithalten, falls sich das Material entzündet.

 

Weiteres

Abfälle entsorgen
Farbreste, die nicht mehr genutzt werden können, müssen fachgerecht entsorgt werden. Hier gibt es regional viele Unterschiede. Vielerorts können Farben in getrockneten Zustand oder mit Sägemehl gebunden im Restmüll entsorgt werden. Stets sind die Vorgaben des ortsansässigen Entsorgers zu berücksichtigen.