Legitimation von Kunstunterricht

Kunstunterricht muss in der bildungspolitischen Debatte immer noch verteidigt werden. Es wird weiterhin die Aufgabe vieler engagierter Lehrkräfte in den Schulen bleiben, den Wert von gutem Kunstunterricht für die Kinder und Jugendlichen zu betonen und sich vor Ort für eine starke Präsenz des Faches einzusetzen.

Die Liste mit den guten Gründen für guten Kunstunterricht ist ein bewusst knapp gehaltener Bogen zur Argumentation. Die genannten Aspekte lassen sich inzwischen über empirische Studien im Fach Kunstpädagogik, aber auch über Studien der schulartbezogenen und der allgemeinen Pädagogik, der Psychologie und der Neurowissenschaften unterlegen.

Gute Gründe für guten Kunstunterricht

Element ästhetischer Bildung
Die eigene bildnerische Auseinandersetzung und bildhafte Artikulation ist ebenso ein zentrales Element von ästhetischer Bildung wie das Kennenlernen von Kunstwerken und die Beschäftigung mit diesen. Kunstunterricht eröffnet hier Zugänge und stattet mit den notwendig werdenden Kompetenzen zum Bewusstsein um Kultur und der aktiven Beteiligung an dieser aus.

Kompetenzen am Bild
Bilder bestimmen zunehmend den Alltag, auch schon von Kindern und Jugendlichen. In einer immer bildlastiger werdenden Zeit sind Kompetenzen im Umgang mit Bildern ein wichtiges Element von Bildung und Erziehung. In der Fachgeschichte der Kunstpädagogik wurde bereits früh auf die Notwendigkeit verwiesen, Fähigkeiten im Entschlüsseln von Bildern (nicht nur als Bestandteil der Kunstgeschichte) auszubilden sowie Bildwirkungen zu kennen und zu erkennen.
Durch eine Verzahnung produktiver und rezeptiver Anteile beim Umgang mit Bildern werden Bildlesekompetenzen fundiert ausgebildet.

Digitale Kompetenzen
Im eigenen Erstellen digitaler Bilder sowie digitaler Präsentationen üben sich Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien. Zu diesem gehört auch das Wissen um Existenz und Modi von Beeinflussungen und Verführungen durch digitale Medien und die davon ausgehenden Gefahren.

Imaginationsschulung und Fantasieentwicklung
Ohne das Entwickeln eigener Bilder und das Umformulieren mentaler Repräsentationen von Bildern sind individuelle bildhafte Artikulationen im Rahmen ästhetischer Praxis undenkbar. Doch spielen diese beiden Fähigkeiten nicht nur im Kontext der Bildentwicklung im Kunstunterricht eine Rolle. Vielmehr sind sie Basis von Denkprozessen und sind Bedingung sämtlicher Denkvorgänge, die mit Repräsentationen von Bildern unterlegt werden.

Reales Handeln/ Handeln im Realen
Wie in wenig anderen Bereichen des Unterrichts begreifen sich Schülerinnen und Schüler durch das Handeln mit realen Objekten und Materialien als aktive Gestalter ihrer Umwelt. Vor allem durch die Reihe von der Idee über die Planung, Organisation, Realisierung bis zur Präsentation erhält das eigene Handeln eine spezifische Erlebnisqualität. Diese führt schließlich auch zum Bewusstwerden eigenen Könnens.
Im Handeln lassen sich Kausalzusammenhänge im Handeln selbst begreifen. Eine Gegenwart, die sich auch durch das starke Durchsetzungsvermögen digitaler Medien stark an die Leichtigkeit im Rückgängigmachen von Entscheidungen und Handlungen gewöhnt hat, benötigt zwingend ein Repertoire an nur aufwändig reversiblen Handlungsoptionen. Korrekturen sind im bildnerischen Bereich selbst bildnerisch! Dadurch unterscheiden sich Änderungsbemühungen im Kunstunterricht deutlich von denen in anderen schulischen Fächern.

Erweiterte Welterfahrung
Kinder und Jugendliche, deren Wahrnehmungssystem noch nicht derart auf Effizienz geschult ist, nehmen auch Phänomene abseits ausgetretener Wahrnehmungspfade wahr. Mit der ästhetischen Wahrnehmung ist ihnen ein erweiterter Weltzugang zu eigen. Die Qualität des ästhetisch Wahrgenommenen kann in ein Mitteilungsbedürfnis münden, das in Formen ästhetischer Praxis (Malen, Bauen, Formen, Zeichnen, Drucken etc.) zum Ausdruck kommt. Hierdurch erfolgt ein spezifischer und individueller erweiterter Weltzugang.

Arbeiten im Jetzt und im Selbst
Die Relevanz von Kunstunterricht muss sich nicht ausschließlich aus einer Ahnung zur zukünftigen Bedarfslage konstruieren lassen. Ästhetische Praxis lässt Kindern und Jugendlichen eine Verortung in der Gegenwart zu. Das >Non scholae sed vitae discimus.< trifft auf ästhetische Praxis im doppelten Sinne zu. Neben deren Bedeutsamkeit für in der Zukunft liegende Prozesse werden Fähigkeiten des Kindes/ des Jugendlichen in der Gegenwart bedeutsam. Die Erweiterung und Weiterführung des Könnens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten kommt den Schülerinnen und Schülern im Jetzt sowie für ihr Selbst zu Gute.

Feinmotorische Schulung
Zur bildhaften Ausdrucksfähigkeit gehören neben der Fähigkeit, ästhetisch Wahrgenommenes und Imaginiertes zu artikulieren, auch motorische und insbesondere feinmotorische    Fertigkeiten. Im Umgang mit unterschiedlichen Materialien und Werkzeugen werden die motorischen Fähigkeiten gefördert. Im Gegensatz zum Agieren mit digitalen Medien, deren Ausmaß und Oberfläche stets gleichbleiben, ermöglicht das Handeln mit Materialien diverser Größen, Oberflächen, Konsistenzen etc.  die gleichzeitige Nutzung unterschiedlicher Wahrnehmungskanäle. Dadurch werden vom Material verschiedenste motorische Reaktionen gefordert.

Kompetenzen im Problemlösen
Neugier und Interesse sind Motivationssysteme, die Schülerinnen und Schüler zu einer Auseinandersetzung mit einem Themenbereich, einem Material, einem Motiv etc. auffordern. In der Möglichkeit, sich intrinsisch motiviert mit bildnerischen Problemlagen zu beschäftigen, liegen Chancen zur dynamischen Problemlösung. In der Realisierung von bildnerischen Ideen werden lineare Lösungsprozesse geschult.

Förderung der Kreativität
Neben dem Erlernen und Üben, wie sich Probleme generell angehen lassen, fördert die spezifische Form des dynamischen Umgangs mit Problemstellungen die Kreativität von Kindern und Jugendlichen. Im Kunstunterricht kann zudem der Rahmen gewährleistet werden, in dem Schülerinnen und Schüler sich auch mal selbstvergessen einer Materie widmen können.

Soziales Lernen
Zur ästhetischen Praxis gehören auch Tätigkeiten wie Bauen, Konstruieren, Experimentieren, Filmen. Die Möglichkeiten zur sozialen Interaktion, die in allen Formen ästhetischer Praxis gegeben ist, wird bei den genannten Formen zur Notwendigkeit. Sie bedürfen einer Kooperation. In gemeinsam geplanten und durchgeführten Formen ästhetischer Praxis oder damit einhergehenden Projekten werden nicht nur individuelle Stärken eingebracht und konturiert. Vielmehr werden durch die erforderlichen kooperativen Prozesse soziale Kompetenzen gefördert.