Erfahrungsverankerte Rezeption zu Giacometti


1901 in Borgonovo ob Stampa geboren, wächst Alberto Giacometti in der Schweiz auf. Zum Studium der Bildhauerei bei Emile Bourdelle siedelt er in die Stadt über, die zum zentralen Ort seines künstlerischen Schaffens werden soll: Paris. In Folge einer Ausstellungsbeteiligung wird André Breton auf Giacometti aufmerksam. Vor allen Dingen Werke aus den frühen 1930er Jahren lassen sich dem Surrealismus zuweisen.[i] Eine erste Einzelausstellung und Ausstellungsbeteiligungen folgen, bevor sich der Künstler wieder den Studien nach der Natur widmet. In der Folge begründet er ein stilistisch einzigartiges Oeuvre, das die menschliche Figur und das Porträt in den Vordergrund stellt. Auch wenn Giacometti vor allen Dingen für seine Plastiken und Güsse bekannt ist, sind auch sein zeichnerisches Werk und seine Malereien einzigartige Abbildungen seiner künstlerischen Auseinandersetzung. >Le Chien< Das Werk >Le Chien< ist aus Bronze gegossen und genau 98,5cm lang, 46cm hoch sowie lediglich 15 cm breit. Es ist vom Motiv her nicht als typisches Werk von Giacometti zu bezeichnen; die Machart indes zeigt seine für ihn signifikante plastizierende Arbeitsweise. Mit ihrer schlanken Statur entspricht die Figur des Hundes der überlängenden Darstellungsweise, in der der Künstler auch die menschliche Anatomie übersetzt. Ebenso korreliert die Arbeitsweise, ein Gussmodell durch einen Gipsauftrag über einer eisernen Armierung, mit den Vorgängen seiner menschlich-figurativen Werke. Um die Arbeit abzugießen, wird eine Gelatineform erstellt. Dazu wird die Vorlage des Künstlers in 13 Teile zerlegt. Die Einzelteile des Werks >Le chien< sind in der >Alberto-Giacometti-Stiftung< in Zürich verwahrt. Mit >Le Chat< fertigte der Künstler ebenfalls 1951 eine weitere Tierfigur die an. In der Grundanlage entspricht sie der Plastik >Le Chien<. Referenzpunkt Motiv: Hund Um sich über die Erfahrungsverankerte Rezeption mit Alberto Giacomettis Werk >Le Chien< auseinanderzusetzen, bietet es sich an, sich der Arbeit zunächst über das Motiv >Hund< zu nähern. Sequenzablauf
  1. Bildnerische Produktion zum Motiv Hund a) Schülerinnen und Schüler sammeln Abbildungen und Fotos von Hunden b) Anfertigung von Skizzen und Besprechung c) Entscheidung für eine bildnerische Praxis d) Umsetzung der bildnerischen Produktion e) Besprechung im Plenum
  2. Rezeption Giacomettis Werk >Le Chien< 1957 a) Erste Äußerungen/ Bezugnahme zu eigenen Arbeiten b) Beschreibung/ Fokussierung des Motivs und seine Darstellung c) Informationen zu Alberto Giacometti, zeitliche Einordnung d) Weitere Arbeiten von Giacometti zur Anwendung und Vertiefung des Gelernten e) Interpretative Ansätze
  3. Präsentation a) Aufgaben sammeln, erörtern und aufteilen b) Ausstellung realisieren
Bildnerische Produktion zum Motiv Hund Die methodische Grundidee, der Rezeption eine Phase der bildnerischen Produktion voranzustellen, soll den Schülerinnen und Schüler die Chance einräumen, einer ästhetischen Praxis mit hohen Anteilen einer Interessensorientierung nachzugehen. Es wäre daher ideal, die Art der ästhetischen Praxis im Abgleich mit den Möglichkeiten der Themenstellung, den Vorkenntnissen sowie den Gegebenheiten der Schule frei zu geben. In dieser Sequenz würde sich das Drucken des Motivs >Hund< ebenso anbieten, wie das Malen, das Plastizieren oder das Zeichnen eines Hundes. Hier wird lediglich das Plastizieren mit lufttocknender Masse differenzierter dargestellt. Was man braucht
  • Grafiken zur Anatomie des Hundes
  • Skizzenheft/ Skizzenpapier/ Zeichenmaterial
  • Lufttrocknende Masse
  • Arbeitsbrett, einfaches Werkzeug (z.B. Messerchen, Spatel, Draht, Schwämmchen)
  • Farbe zum Bemalen
  • PlakatkartonZiele
  • Anatomie eines Tieres zeichnerisch nachvollziehen
  • Eine eigene Darstellungsidee entwickeln
  • Ein Tier mit plastischer Masse formen
  • Bildnerische und technische Probleme lösen
  • Das Werk >Le Chien< von Alberto Giacometti kennenlernen
  • Spezifika Giacomettis plastischen Werks entdecken
  • Eine Präsentation entwerfen und durchführen
Vorgehensweise Produktion Zur Vorbereitung der Sequenz sammeln die Schülerinnen und Schüler Abbildungen und Fotos von Hunden. Hier können auch Bilder und Geschichten der eigenen Hunde der Kinder/ Jugendlichen aufgegriffen werden. Von der Lehrkraft werden anatomische Abbildungen bereitgestellt. Gut geeignet sind die Zeichnungen aus Büchern von Gottfried Bammes, da hier neben der anatomischen Richtigkeit auch verschiedene Möglichkeiten der Skizzen angeboten werden. Ergänzt um Videoclips, die Hunde in Bewegung zeigen, ist somit das Terrain bereitet, dass die Schülerinnen und Schüler sich nun selbst zeichnerisch ans Motiv Hund wagen können. Eine ideale Ergänzung/ Alternative besteht im unmittelbaren Abzeichnen von Hunden etwa von einem Schulhund. Ein Ziel der zeichnerischen Vorarbeiten besteht darin, eine Basis für das anschließende Plastizieren zu schaffen. Die Schülerinnen und Schüler sollen nachvollziehen können, dass die Figur des Hundes von dessen Skellettaufbau sowie von dessen Bewegung abhängt. Darüber hinaus können verschiedene Positionen dargestellt werden. Auf Basis dieser Skizzen entscheiden sich die Kinder/Jugendlichen schließlich für eine Szene, die sie nach einer Besprechung durch die Lehrkraft (im Plenum oder individuell) dreidimensional umsetzen werden. Oben ist bereits erwähnt, dass an dieser Stelle die Entscheidung auch für andere Formen ästhetischer Praxis getroffen werden kann. Existiert die Möglichkeit, werkstattorientiert zu arbeiten oder haben die Schülerinnen und Schüler Zugang zu einem Atelier, können sie das Motiv >Hund< auch drucken oder malen. Für die hier durch die Lehrkraft vorgegebene Praxis des Plastizierens wird auf lufttrocknende Masse zurückgegriffen. Diese ist zwar teurer als Ton, bedarf aber nicht dessen technischer Komplexität (max. Materialstärke, Brennvorgang, ggf. zweiter Brennvorgang nach dem Bemalen). Eine gute, wenngleich nicht so beständige Alternative ist das Arbeiten mit Knete. Vor dem Plastizieren des Hundes machen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Material vertraut. Sie besprechen mit der Lehrkraft die Bearbeitungsmöglichkeiten und probieren den Werkzeugeinsatz aus. Auf einem Frühstücksbrettchen oder einem zugesägten Holzbrett gestalten die Schülerinnen und Schüler nun den Hund in der von ihnen ausgesuchten Position. Manche Haltungen machen eine innere Armierung notwendig. Diese kann am besten mit einem einfachen Drahtgestell bewerkstelligt werden. Eine äußere Armierung beispielsweise mit Schwämmchen oder Zeitungspapier kann Körperteile bis zur Durchtrocknung stabilisieren. Es bietet sich für die abschließende Präsentation an, einige Fotos vom Herstellungsprozess zu machen. Nach dem Trocknen können die Arbeiten bemalt werden. Zuvor sollten die Figuren zumindest individuell durch die Lehrkraft besprochen werden. Für die farbige Gestaltung werden die Möglichkeiten der unifarbenen abstrahierenden Fassung sowie der realitätsnahen Bemalung erläutert. Im Plenum stellen die Schülerinnen und Schüler ihre Plastiken vor. Durch das Gespräch über die Arbeiten führen Wortkarten (wie >mein Vorhaben<, >Schwierigkeiten und Lösungen<, >das habe ich gelernt<) sowie ausgesuchte Fotografien vom Herstellungsprozess. Rezeption zu Alberto Giacomettis >Le Chien< Zu Beginn der gemeinsamen Rezeption Giacomettis Werk >Le Chien< erhalten die Schülerinnen und Schüler eine Abbildung der Arbeit. Sie beschreiben, was sie sehen und stellen Bezüge zu den zuvor selbst angerfertigen Plastiken dar. Meist werden bereits erste Deutungen angeführt, die vor allen Dingen aus der Darstellung auf die Stimmung und die Situation des Hundes schließen. In einer Vergrößerung der Werksabbildung wird deutlich, dass es sich beim eingesetzten Werkstoff ursprünglich um ein plastisches Material gehandelt haben muss. Diese Möglichkeit wird diskutiert, bevor die Lehrkraft mittels einer kurzen Darstellung über Alberto Giacometti referiert und bildunterstützt von seiner Arbeitsweise berichtet. Aus der vorgelagerten ästhetischen Praxis bekannte Begriffe, wie der der Armierung, werden dabei wieder aufgegriffen. Auch der Prozess des Bronzegusses (incl. der Formabnahme) wird mit Hilfe von Bildern und einem Video erläutert. Alternativ hierzu können die Schülerinnen und Schüler selbst in Gruppen arbeitsteilig die genannten Aspekte (Biografie, Arbeitsweise, Bronzeguss) recherchieren und anschließend der Klasse vorstellen. Für die Präsentation, die die Sequenz abschließen wird, können bereits die Informationen auf kleinen Plakaten festgehalten werden. Als nächstes erhalten die Kinder/ Jugendlichen in Gruppen Abbildungen weiterer plastischer Arbeiten des Künstlers. Sie sollen einen erweiterten Einblick in das plastische Oeufre von Alberto Giacometti erfahren. Die Arbeit >Le Chat< (1955) bietet sich vor allen Dingen an dieser Stelle an, da sie als Tierdarstellung eine Brücke ins weitere Werk bilden kann. Des Weiteren sind die Werke >Grande Femme I< (1960), >L´homme que marche II< (1960) sowie >Großer Kopf Diego< (1954) ausgesucht. Die Idee dahinter ist, dass sich eine ähnliche Herangehensweise in unterschiedlichen aber für den Künstler typischen Motiven finden lässt. Unter Einbezug dieser vielfältigen Informationen und individueller Perspektiven versuchen sich die Schülerinnen und Schüler an einer begründeten Deutung des Werkes >Le Chien< sowie an einer Einordnung der Arbeit ins Gesamtwerk von Giacometti. Präsentation Eine abschließende Präsentation fasst die Sequenz zusammen. Die Präsentation umfasst ebenso die Skizzen vom Beginn der ästhetischen Praxis wie die entwickelten Fotos aus der Herstellungsphase und die die plastizierten Tierfiguren. Ergänzt wird die kleine Ausstellung mit den Plakaten zum Leben und Werk von Giacometti. Zum Schutz der Plastiken ist es ideal, wenn die Plastiken in einer Vitrine gezeigt werden. Die Präsentation wird im Klassenverband gemeinsam geplant, die anstehenden Aufgaben besprochen. Nun wird die Klasse in Gruppen aufgeteilt, die jeweils Teilaufgaben übernehmen. Unbenommen ist die ergänzende Option, die Ergebnisse der Sequenz auf der Schulhomepage zu zeigen.
[i] Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung: Alberto Giacometti. München 1997
kunstwerke grafik


[Eine differenzierte Darstellung der Methode mit zahlreichen Unterrichtsbeispielen finden Sie in >Erfahrungsverankerte Rezeption< von Oliver M. Reuter im kopaed-Verlag München 2020]