Es kommt immer wieder zu Missverständen bei der Anlage oder bei der Durchführung von Kunstunterricht. Wir versuchen, einige davon zu beseitigen.
MANDALAS
Vielfach werden im Kunstunterricht Mandalas zum Motiv. Leider sogar als auszumalende Kopiervorlage. Als Vorteile von AusmalMandalas werden die Förderung der Feinmotorik und das ruhige Arbeiten genannt.
Das ist vor vielen Hintergründen kritisch zu betrachten. Beim Ausmalen gibt es keine bildnerische Problemlösung, keine kreative Handlung der Schülerinnen und Schüler, kein bildnerischer Prozess, keine Interessensorientierung etc. Aber es gibt einen weiteren problematischen Aspekt, die Frage nach der kulturellen Aneignung.
Was sind eigentlich Mandalas?
Mandalas haben in vielen religiösen und spirituellen Traditionen weltweit eine tiefgehende Bedeutung, insbesondere im Hinduismus und Buddhismus. Der Begriff „Mandalas“ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Kreis“, was schon auf das zentrale Symbol dieser Darstellungen hinweist: der Kreis. Der Kreis wird als Symbol für das Universum, für die Einheit und das göttliche Prinzip verstanden.
Im Hinduismus repräsentieren Mandalas den Kosmos, das Göttliche und die Struktur des Universums. Sie sind auch als Werkzeuge zur Meditation und spirituellen Praxis bekannt. Die komplexen geometrischen Muster sollen helfen, den Geist zu fokussieren und eine Verbindung mit der göttlichen Ebene herzustellen. Manche Mandalas stellen die Heimat der Götter dar oder die verschiedenen Ebenen des Universums.
Im Buddhismus sind Mandalas nicht nur Kunstwerke, sondern auch wichtige rituelle Objekte. Sie symbolisieren den Weg zur Erleuchtung und die Beziehung zwischen dem menschlichen Dasein und dem spirituellen Universum. Besonders in tantrischen Praktiken werden Mandalas verwendet, um die geistige Transformation zu fördern und das Verständnis von spirituellen Wahrheiten zu vertiefen. Sie helfen den Praktizierenden, den inneren Zustand von Harmonie und Reinheit zu erreichen.
Unberechtigte Aneignung in der europäischen Kultur
In den letzten Jahrhunderten haben Mandalas, vor allem in der westlichen Welt, eine breitere Bekanntschaft als dekoratives Element oder Instrument zur Entspannung und Meditation gefunden. Diese Verwendung wird oft kritisiert, weil sie die tiefere religiöse und kulturelle Bedeutung des Symbols missachtet und vereinfacht.
Die Verwendung von Mandalas in westlichen, kommerziellen Kontexten (z. B. als Dekorationsobjekt oder in der Psychotherapie ohne Bezug zur eigentlichen religiösen Bedeutung) kann als unberechtigte Aneignung verstanden werden. Dieser Prozess kann das tief spirituelle und religiöse Erbe, das mit Mandalas verbunden ist, verflachen und kommerzialisieren. Für viele Anhänger der Religionen, die Mandalas ursprünglich verwendeten, stellt die westliche Verwendung eine Form der Entwertung ihrer spirituellen Praxis dar.
In der westlichen Kultur sind Mandalas oft nur als ästhetische, therapeutische oder entspannende Werkzeuge angesehen, ohne die zugrunde liegende religiöse und spirituelle Bedeutung zu verstehen. Diese oberflächliche Nutzung kann als Missbrauch oder Missachtung der heiligen Symbole angesehen werden, da sie ihre tiefere Bedeutung in religiösen Praktiken ignoriert.
Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Mandalas in ihrer kulturellen und religiösen Bedeutung ernst zu nehmen und entsprechen tief zu thematisieren… oder… gibt so viele andere Motive, so viele andere Ideen für guten Kunstunterricht… also Mandalas einfach sein lassen!
DEKORIEREN!
Es ist schön, wenn Kinder und Jugendliche ihr Klassenzimmer dekorieren dürfen. Oft, gerade in Grundschulen, wird gerne mit Bezug auf den jahreszeitlichen Verlauf etwas gebastelt, das etwa an den Fenstern eine kleine Einstimmung auf anstehende Feste wie Weihnachten oder Ostern geben. Vielfach wird diese Dekoration sehr stark gelenkt, wenn nicht sogar unter Nutzung von Kopiervorlagen umgesetzt. Diese Vorgehensweise ist nicht vereinbar mit den Zielen der Interessensorientierung, der Kreativitätsförderung oder der Analge individueller Problemlösekompetenz. Es gibt genug andere Zeiten, um das Klassenzimmer zu dekorieren; dafür müssen nicht die ohnehin knappen Kunststunden verwendet werden.
ARBEITEN VERGLEICHEN
Lehrkräfte sollten nicht vor der Klasse die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler miteinander vergleichen. Dies führt ansonsten zu einem unguten Wettbewerb und beeinträchtigt das Selbstwertgefühl. Geringes Selbstvertrauen, soziale Unsicherheit und die Entwicklung einer negativen Haltung gegenüber Kunstunterricht und Kunst sind die Folgen.
Ein Kunstunterricht, der sich an den Einzelnen orientiert, lässt ohnehin selten einen offensichtlichen Vergleich zu.
DECKWEIß
Viele Studierende berichten von einer der prägendsten Erfahrungen ihres Kunstunterrichts: „Wir durften nie mit Deckweiß malen!“ Warum eigentlich nicht?
Malen die Schülerinnen und Schüler mit Wasserfarben, kann Deckweiß die Farbpalette deutlich erweitern. Dadurch wird es erst möglich, die Bildidee der Einzelnen überhaupt so umzusetzen wie vorgesehen. Deckweiß kann, wenn sie z.B. im Farbkastendeckel eintrocknet, wie die anderen Wasserfarben wieder angelöst werden. Der Verbrauch lässt sich so selbst dann gut dosieren, wenn aus Versehen zu viel Farbe aus der Tube gedrückt wurde.
WEIß
Ein Ausruf, den bereits Kinder im Kindergarten beherrschen: „Weiß ist keine Farbe!„, basiert auf einem Irrtum. Zunächst einmal muss man den Farbbegriff in seinen verschiedenen Dimensionen sehen: Weiß als Wahrnehmung über das Auge, Weiß als Farbmaterial, Weiß als Auslöser von Emotionen und als Symbol.
Vereinfacht ausgedrückt, nehmen wir Farben wahr, über Licht, das in unser Auge fällt. Dieses Licht wird von Objekten in unserem Umfeld in unterschiedlichen Wellenlängen (zurück)geworfen. Nehmen wir Licht in hoher Intensität und über verschiedene Wellenlängen gleichzeitig wahr, interpretieren wir dies als Wahrnehmung von weiß. Dabei ist es eigentlich die zeitgleiche Wahrnehmung von Licht in allen Wellenlängen.
Farbe ist ein Material. Als solches ist weiß eine Farbe, wenn sie mindestens aus einem fargebenden Element und einem Bindemittel besteht. Farbgebend ist im Fall von weiß etwa das Pigment Titandyoxid, Bindemittel kann ein flüssiger Kunststoff sein. Oft wird die Konsistenz über Füllstoffe, die günstiger sind als Pigmente, verändert. Weiße Dispersionsfarbe, Deckweiß, weiße Aquarellfarbe etc. sind folglich Farben.
Farben haben auch eine emotionale Komponente und hat zudem symbolische Zuschreibungen. Weiß steht für Reinheit und Unschuld, ist fast ausschließlich positiv konnotiert.
Da im Kontext der Kinder- und Jugendzeichnung Weiß in erster Linie als Farbmaterial verwendet wird, muss in Kindergärten und Schulen von Weiß als Farbe gesprochen werden. (Es versteht sich von selbst, dass dann Schwarz auch eine Farbe ist!)