Originale Begegnung

Neben der ästhetischen Praxis stellt die Rezeption von Kunstwerken [Begegnung und Dialog mit Kunstwerken] eine wesentliche Komponente von Kunstunterricht in allen Jahrgangsstufen dar. Da das künstlerische Original aus verschiedenen Gründen die fotografische Abbildung schlägt, wird die originale Begegnung zu einem zentralen Element der Werkrezeption im Kunstunterricht.

Für Seminarleiter gehts hier zu einem Kunsttag im Seminar zur Originalen Begegnung.

Um den Mehraufwand auf sich zu nehmen, muss der besondere Wert der originalen Begegnung geschätzt werden. Zudem muss Sicherheit in organisatorischen Bereichen sowie in möglichen Inhalten und Vorgehensweisen vor Ort bestehen.
Die Übersicht zeigt Überlegungen im Rahmen der Werkrezeption auf, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll:

  • Orte der originalen Begegnung
  • Chancen in der direkten Begegnung
  • Organisatorische Aspekte eines Museumsbesuches
  • Checkliste für den Museumsbesuch mit Schulklassen
  • Inhaltliche Vorbereitung eines Museumsbesuches
  • Kleine Aktionen im Museum
  • Kompetenzen

Orte der originalen Begegnung
Kunst kann in unterschiedlichen Bereichen unmittelbar erlebt werden.

  • Museen/ Ausstellungen/ private Sammlungen/ Sammlungen von Firmen
  • Plastiken, Gemälde/ Deckengemälde in Kirchen/ Gotteshäusern
  • öffentlicher Raum [Brunnen/ Kunst am Bau/Plastik im öffentlichen Raum]
  • Ateliers von Künstlern/ Kunst-Handwerksbetriebe
  • Architektur [Gebäude/ Brücken/ Türme/ Plätze/ Gotteshäuser etc.]


Chancen in der direkten Begegnung mit Originalen

Die originale Begegnung geht mit ihren Chancen als Bildungsfaktor über die Behandlung von Werken als Abbild hinaus. Wesentliche Elemente der direkten Erfahrung in der Beschäftigung mit Kunst liegen in

  • der vollständigen Darstellung
  • einem intensiven Kennenlernen
  • der erweiterten Materialerfahrung
  • Einblicken in den Entstehungskontext
  • einer auratischen Erfahrung.

> Vollständige Darstellung
Abbildungen von Kunstwerken sind immer sehr starke Verkürzungen des Werks. Bei flächigen Werken wie Drucken, Zeichnungen oder Malereien variieren die Größe und die Farbigkeit der Darstellung im Vergleich zum Original meist deutlich.

Auf Abbildungen finden sich meist festgelegte Darstellungen. Eine standardisierte Position der Kamera soll zu einer möglichst unverzerrten Abbildung führen. Das Original hingegen wird fast ausschließlich „verzerrt“ wahrgenommen. Je nach Größe und Höhe der Aufhängung hat jeder Betrachter einen individuellen Blick auf das Werk. Dies führt zu verschiedenen Wahrnehmungen.

Dreidimensionale Kunstwerke sind meist nur aus einer, selten aus mehreren Perspektiven dargestellt. Originale Plastiken können umschritten, deren Größe in Bezug auf die eigene Größe erfahren, oft die reale Größe mit Maßbändern o.Ä. ermittelt und der Kontext des Aufstellungsortes [als Brunnen, vor Kirche, vor Museen, an Plätzen, an Gebäuden, erhöht etc.] berücksichtigt werden.

> Intensives Kennenlernen
Das Kennenlernen eines Künstlers und seiner Werke ist in der originalen Begegnung ungleich intensiver als bei der Betrachtung einer Projektion oder einer fotografischen Abbildung. Vor allen Dingen intensiviert sich die Erfahrung durch die Möglichkeit, sich mit Klassenkameraden über Entdeckungen, sinnliche und körperbezogene Erfahrungen, eigene Fragehaltungen und Interpretationen etc. auszutauschen. Das Original regt dabei sehr sinnlichen Wahrnehmung und zur zur Kommunikation an.

> Materialerfahrung
Werke im öffentlichen Raum können oftmals angefasst werden. So können die Kinder und Jugendlichen das Material erforschen und erste Hinweise auf die Art der Herstellung sammeln. Wie ist die Oberfläche beschaffen [rau, weich, hart, glatt, warm, kalt, wellig …]? Ist die Figur möglicherweise hohl oder doch massiv? Was könnte das für ein Material sein? Habe ich das schon mal irgendwo gesehen, gefühlt?

Auch grafische oder gemalte Arbeiten können im Original über deren Material ganz anders wahrgenommen werden. Ölfarben etwa lassen sich bei einem pastosen Farbauftrag leicht am Relief der Oberfläche sowie an deren Glanz [wenn keine Malmittel wie Sikkative zugeführt wurden] erkennen. Bei Drucken oder Zeichnungen lassen sich ins Papier geprägte Stellen entdecken. Skulpturen aus Holz weisen oft Verarbeitungsspuren auf, die Kinder und Jugendliche interessiert verfolgen: Wie ist das gemacht? Welches Werkzeug wurde da verwendet? Welches Holz wurde verwendet? Wie lange hat es wohl gedauert, dieses Kunstwerk herzustellen?

> Einblicke in den Entstehungskontext
Im Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern in deren Atelier können bildnerische und biografische Intentionen ergründet werden. Solche Gespräche erweitern die Perspektiven auf die Künstler, die Kunst und oft auch auf die Welt. Zudem können Werkzeuge und Verfahren vorgestellt werden.
Spuren im Material erlauben Rückschlüsse auf Herstellungsarten. So sind bei manchen Granitskulpturen noch die Bohrlöcher vom Bergabbau erkennbar.

> Auratische Erfahrung
Begegnen Kinder und Jugendliche einem Original kann es zu auratischen Erfahrungen kommen. Durch das Kennenlernen des Künstlers oder der Künstlerin im Zuge der Vorbereitung geschieht schon eine Form der Erhöhung, die durch die Aufnahme und Positionierung im Museum noch erhöht werden.

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[Figur im Park blind ertasten]
Organisatorische Aspekte eines Museumsbesuches
Zunächst ist zu klären, ob der Museumsbesuch mit einer weiteren Klasse durchgeführt werden kann bzw. soll. In wenigen Bereichen macht dies mehr Arbeit, im Wesentlichen erleichtert die Kooperation die Durchführung [arbeitsteilige Vorbereitung, Kapazitäten im Bus etc.]. Im Team mit einer anderen Lehrkraft kann zudem von Erfahrungen und bestehenden Connections profitiert werden.
Oftmals sind Museumsbesuche nicht routiniert, viele Schülerinnen und Schüler sind das erste Mal in einem Museum. Regeln für den Besuch eines Museums müssen daher mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam erarbeitet und besprochen werden.

  • Wir laufen langsam durchs Museum [gemeinsam in der Klassengemeinschaft oder in Gruppen].
  • Wir verhalten uns leise und stören keine anderen Museumsbesucherinnen und Besucher.
  • Zu Kunstwerken wird ein Abstand eingehalten.
  • Wir nehmen Rücksicht.
  • Wir achten auf unser Arbeitsmaterial und arbeiten damit sorgfältig.
  • Im Museum wird nicht gegessen und getrunken/ keine Kaugummis.
  • Handys werden nur zum Fotografieren genutzt.

Für jüngere Kinder bietet es sich an, die Regeln zu veranschaulichen. Als Museumsschnecken oder Museumsmäusen, die sich durch die Ausstellung bewegen ohne dass die anderen Besucher sie bemerken, gelingt ein Gang ins Museum spielerisch.

Vor Kunstwerken kann mit einem Seil [zusammengeknoteten Hüpfseilen aus dem Sportunterricht] ein magischer Kreis gelegt werden, in den die Kinder gehen, wenn sie sich einem Werk nähern. Auf diese Weise lässt sich eine Grunddistanz zum Werk bewahren.
Für den Besuch im Museum mit Schulklassen und anderen Gruppen müssen einige organisatorische Aspekte berücksichtigt werden. Sie sind auf der Checkliste angeführt. [zur Checkliste als pdf hier klicken]

Generell ist es sinnvoll, die Schülerinnen und Schüler auch in die Organisation einzubeziehen. Wird mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, können die Schülerinnen und Schüler mögliche Abfahrtszeiten eruieren. Über das Internet können Informationen zum Museum gesucht und zusammengetragen werden. Bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel empfiehlt sich, vorausschauend Gruppen-Fahrkartentickets sowie Gruppen-Museumstickets vorab zu kaufen, um unnötige Wartezeiten zu vermeiden.

Inhaltliche Vorbereitung eines Museumsbesuches
Natürlich kann man mit Kindern und Jugendlichen auch ohne eine breite und tiefe Vorbereitung ins Museum gehen. Allerdings schmälert man damit die Vermittlungschancen. Indem ein Museumsbesuch in eine Sequenz eingebettet wird, können gezielt Vermittlungsaspekte vorbereitet werden. Gerade wenn man der Verzahnung von ästhetischer Praxis und der Rezeption von Kunst einen hohen Stellenwert einräumt, ist die dem Besuch vorgeschaltete aktive handlungsdominierte Beschäftigung mit bestimmten Themenbereichen notwendig.
Ein Besuch in einer >Sammlung< kann wunderbar über die kindliche Sammelleidenschaft angebahnt werden:
Viele Kinder und auch Jugendliche sammeln. Viele Ausstellungen sind ebenso auf Basis von Sammlungen entstanden oder bilden sogar eine Sammlung ab. Fragen an die Kinder sind dann

  • Was sammelst Du?
  • Was gefällt Dir an Deinen Sammlungsobjekten?
  • Wie lagerst und präsentierst Du Deine Sammlung?

Mögliche Schwerpunkte einer Ausstellung sind die Fokussierung auf einen Künstler/ eine Künstlerin, auf einen thematischen Schwerpunkt oder auf eine bildnerische Technik.

 > Künstler/ Künstlerin
Wird eine Ausstellung eines Künstlers/ einer Künstlerin besucht, ist es sinnvoll, die Klasse zuvor mit ihm/ ihr bekannt zu machen. Wege, einen Künstler einzuführen, sind im Bereich der „Werkbetrachtung“ nachzulesen. Im Wesentlichen geht es darum, über eine eigene ästhetische Praxis der Schülerinnen und Schüler Anker zu setzen, die als Erfahrung Basis für die anschließende Rezeption werden.

> Thema
Eine Alternative besteht darin, eine Ausstellung unter einem bestimmten Thema zu besuchen. Wird etwa eine Präsentation zu „Wald und Licht“ besucht, sollten sich die Schülerinnen und Schüler im Vorfeld aktiv mit diesem Themenbereich auseinandergesetzt haben. Es ist für die meisten Schulen nicht schwer, in einen Wald zu gehen, dort die Eindrücke zu sammeln, Proben von Farben des Waldes zu sammeln, Szenen im Wald zu zeichnen, Formen und Farben für Gerüche des Waldes zu finden etc. Sie werden auf diese Weise für das Thema sensibilisiert, entdecken die Bandbreite möglicher künstlerischer Motive und Ausdrucksformen und werden neugierig auf die bildnerische Umsetzung durch die Künstler.

> Bildnerische Technik
Eine weitere Alternative besteht im Besuch einer Ausstellung, in der eine bildnerische Technik im Vordergrund steht. Gibt das Museum einen Überblick über Druckgrafiken unterschiedlicher Künstlerinnen und Künstler, ist es sinnvoll, im Vorfeld bereits mit den Schülerinnen und Schülern gedruckt zu haben. Dann können technische Spezifika auch bei der Rezeption leichter in ihren Ausprägungen wahrgenommen werden. Zudem macht das eigene Drucken auch neugierig und generiert oder verstärkt eine Form von Interesse für Druckwerke.

Kleine Aktionen im Museum
Jugendliche sind nicht immer von Beginn an für einen Museumsbesuch motiviert. Über geeignete Aktionsformen im Museum kann es Jugendlichen gelingen, neue und interessante Perspektiven einzunehmen und an eigene Interessen anzuknüpfen.

Hier sind einige Ideen aufgeführt, die sie detaillierter beschrieben als kleine Karten zur Mitnahme ins Museum hier finden und ausdrucken können. [pdf]

  1. >Columbus< [Bekanntes erkennen nach Vorarbeit, Neues entdecken!]
  2. >Ich bin Fan von…< [Lieblingswerk aussuchen und beschreiben]
  3. >Ausschnitt< [Bildausschnitte entdecken]
  4. >Detektive< [Bilder auf Inhalt, Technik hin untersuchen]
  5. >Alles Geschichten< [Geschichten zu Bildern/Bildausschnitten ausdenken/ aufschreiben oder erzählen]
  6. >Badeente< [Bilder/ Kunstwerke zu bestimmten Objekten z.B. Badeente, Würfel, Legosteine, Modellauto, Stofftier etc. suchen und erläutern, warum diese „Partnerschaft“ passt/ gleiche Formen, gleiche Farben, gleiche Oberflächenstruktur, gleiche Haptik etc.]
  7. >Originale entdecken< [Werke unter den Aspekten Material aussuchen und durch genaue Beobachtung Besonderheiten feststellen. Z.B. reliefartige Oberfläche von Ölbildern]
  8. >Plastiken zeichnen<

Generell sollten Skizzenhefte, die ohnehin aus der schulischen Arbeit bekannt sind, mitgenommen werden. Dazu ein paar Bleistifte und Holzstifte. [Vorgaben des Museums berücksichtigen]

Die Nachbereitung
Ein Museumsbesuch sollte -wieder zurück in der Schule- nachbereitet werden. Vor allen Dingen ist eine Besprechung über Kunstwerke, die besonders beeindruckend waren, empfehlenswert. Hier können gefundene Zugänge wiederholt und verstärkt werden. Außerdem sollten Fachbegriffe richtig angewandt werden. Hierzu eignen sich Methoden wie Sprechblasen, Künstlerinterview, Rollenprofil, 5-Satz-Methode, Innerer Monolog, …
Möglicherweise bietet sich eine weitere differenziertere Recherche nach Kunstwerken und den entsprechenden Künstlerinnen oder Künstler an, die erst im Museum kennengelernt wurden. Welche Zielsetzungen, welche konkreten Rechercheaufträge können hier formuliert werden, die über den Museumsbesuch hinausreichen, die zu weiterführenden Erkenntnissen führen? Z.B.: Wir haben ein tolles Bild von Paul Klee gesehen. Wann lebte Paul Klee? Welche Werke sind von ihm? Mit welcher Technik wurde das Bild erstellt? Anhand derartiger Fragen lässt sich ein kleines Portfolio oder eine Plakatreihe zu einem im Museum entdeckten Werk anfertigen.

Fachübergreifend können Erlebnisse natürlich im Fach Deutsch verschriftet werden. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass nicht jedes schöne Erlebnis, jede gemacht Erfahrung zwangsläufig in eine Verschriftung münden muss.